Unser Interview mit Christian Kemmerth

Dienstag, 21. Mai 2019

Unser Interview mit Christian Kemmerth

Anatomische Spezialtrensen - Die Antworten auf die Fragen Wie? und Warum?

Christian Kemmerth ist seit vielen Jahren bei Schockemöhle Sports und ein Spezialist, was anatomische Trensen und ihre Handhabung betrifft. Christian hat es sich außerdem zur Aufgabe gemacht, Seminare rund um das Thema „anatomische Trensen“ zu halten, um ihre positive Auswirkung auf das Pferd nach außen zu tragen und Reitsportfans aus fern und nah mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Wir haben uns zu einem kurzen Gespräch mit Christian getroffen und ihm fünf Fragen rund um die Equitus-Linie von Schockemöhle Sports gestellt:

Christian, was macht die Anatomic Line und speziell die Equitus-Linie von Schockemöhle Sports aus?
Sie wurde zum Wohle des Pferdes unter Berücksichtigung der komplexen Anatomie des Pferdekopfes entwickelt. Hergestellt aus feinstem, pflanzlich gegerbtem europäischem Leder erschien die Equitus-Linie erstmals Ende 2016.

Vielleicht kannst Du uns kurz etwas zur Anatomie des Pferdekopfes erzählen, auf welche Dinge man muss man z. B. speziell achten, welche Partien sind extrem empfindlich, etc?
Hier gibt es im Wesentlich vier Punkte, die man beachten muss:

  1. Das Nasenbein: bei falscher oder zu enger Verschnallung des Nasenbandes kann es zu Verletzungen der Nervenbahnen, die hier besonders dicht beieinander liegen sowie zur Atrophie des Nasenbeines selber kommen – was sehr, sehr schmerzhaft und gefährlich für das Pferd sein kann.
  2. Den Ausgang des Nervus infraorbitalis: dieser befindet kurz unterhalb des Jochbeines. Auch hier kann bei zu enger oder falscher Verschnallung das Pferd deutlich in seinem Komfort beeinträchtigt werden. Es kann passieren, dass dem Pferd buchstäblich das Gesicht „einschläft“, wenn dieser Nerv abgeklemmt wird. Zusätzlich verläuft auch der Hauptgesichtsnerv hier entlang, der Nervus Fascialis.
  3. Der erste Backenzahn: ist das Backenstück zu kurz eingestellt, drückt das Gebiss bereits ohne Einwirkung des Reiters bzw. der Reiterhand, gegen diesen und kann Druckschmerzen verursachen. Die alte Regel „2 Falten in der Maulspalte mit lockerem Zügel, 3 bei angenommener Hand“ ist hier immer noch ausschlaggebend für die richtige Länge.
  4. Das Genick: ein zu eng verschnalltes oder in der Größe nicht passendes Genickstück der Trense erhöht den Druck auf das Nackenband, das für den gesamten Bewegungsablauf immens wichtig ist. Dies kann schlimmstenfalls zusätzlich zu Schwellung der Schleimbeutel im Genick führen.

Was würdest Du einem unerfahrenen bzw. auch Profi-Reiter empfehlen, der sich überlegt, eine Equitus zu kaufen?
Was man bei unserer Equitus wissen muss, ist, dass diese ein einteiliges Reithalfter besitzt. Das heißt, Backenstücke und Reithalfter sind miteinander verbunden. Dadurch erzeugen wir eine Wirkung, die einen Teil der Zügelhilfen des Reiters ebenfalls auf den Nasenrücken leitet. Das hat sich besonders bei Pferden bewährt, die Probleme mit dem Gebiss haben oder generell etwas empfindlich im Maul reagieren. Dennoch kann eine feste Hand auch bei der Einwirkung auf den Nasenrücken oder eine generell zu starke Paradengebung zu viel Druck ausüben. Mit diesem Wissen im Kopf reitet man anders und daher brauche ich „weniger“ Zügel für denselben Effekt, bei einer zweigeteilten Trense.

Auf was muss ich beim Kauf achten? Gibt es ein paar Grundpfeiler bei der Verschnallung?
Als erstes ist natürlich die richtige Größe wichtig. Dies wird ganz einfach gemessen:
Maulwinkel über das Genick zum anderen Maulwinkel und der Umfang der Nase zwei Finger breit unter dem Jochbein. Diese beiden Werte geben Ausschlag, welche Größe nötig ist. Hierzu gibt es z. B. von Schockemöhle Sports Maßtabellen im Katalog oder im Internet.

Eigentlich muss man sich nur eines merken: zwei Finger.

Zwei Finger breit unter dem Jochbein, höher oder niedriger sollte das Nasenband nicht verschnallt werden. Es gibt Ausnahmen bei verschiedenen Varianten (mexikanisch und hannoveranisch). Zwei Finger breit aufgestellt auf dem Nasenrücken unter dem Nasenband, enger darf das Nasenband nicht sein. Dies wird übrigens demnächst Pflicht auf den Turnieren werden. Die Schweiz macht es vor und auch die FN wird dem bald folgen.

Ab Juni gibt es ja auch die Equitus Gamma (Dressurkandare). Was hat euch zu diesem Schritt bewegt auch im Dressursport mit einer solchen Spezialtrense aufzuzeigen, und was sind ihre Vorteile?
Nun, in erster Linie der Erfolg der bereits vorhandenen Trensenlinie Equitus. Reiter auf der ganzen Welt waren und sind begeistert! Daher kam der Wunsch auf, dem Pferd auch in den höheren Klassen der Turnierplätze die Möglichkeit zu geben, sein Potential voll auszuschöpfen. Die Reiter bemerkten, dass sich die Pferde mit der „Equitus“-Trense anders bewegen. Da es hier im Bereich der Kandaren aber nichts Vergleichbares gab, musste sich das Pferd für höhere Prüfungen wieder umgewöhnen. Das war der Ursprung unseres Gedankens. Wir bei Schockemöhle Sports möchten aber natürlich die Qualitätsstandards unserer Produkte hoch halten, daher hat die Kandare nach der Entwicklung ebenfalls eine lange Testphase hinter sich. Nicht von der Stange, sondern selber entwickelt, in Zusammenarbeit mit vielen Experten aus den verschiedenen Bereichen: Tierärzte, Profireiter, Freizeitreiter, Vertrieb, etc.

Der Vorteil liegt klar auf der Hand! Das Pferd hat mit der Kandare dieselben Eigenschaften und Vorteile, wie mit der Trense; anatomisch korrekt, viel Ohrenfreiheit, kein Druck auf die empfindlichen Gesichtsnerven oder das Nackenband.

Übrigens sind alle Trensen und Kandaren aus der Anatomic Line turnierzugelassen, sowohl bei der FN als auch der FEI.